«Das Metaverse könnte unsere Beziehung zum Internet und zur realen Welt vollkommen verändern»

Format
Interview
Lesedauer
4 Minuten
Veröffentlicht am
3. März 2022 im Print

Mark Zuckerberg plant eine Revolution. Mit dem Metaverse will der Facebook-Gründer eine neue Ära des Internets begründen. Seine Vision klingt nach Science Fiction, doch sie könnte unsere Gesellschaft grundlegend verändern. Ein Gespräch mit Philosoph und Ethiker Aaron Butler über Überwachungskapitalismus, neue Moralvorstellungen und den Technologie-Hype.

Manuel Fasol, Religion-Wirtschaft-Politik
Design: Alissa Furler, Illustration Fiction, HSLU

Das Metaverse kombiniert Virtual Reality und Augmented Reality mit der realen Welt. Künftig sollen wir regelrecht ins Internet eintauchen können, mit Avataren, die wir vom Wohnzimmer aus steuern. Ein Arbeitstag in einer Zukunft mit dem «neuen Internet» könnte also etwa so aussehen: Aufstehen, Kaffee machen, VR-Brille anziehen und los geht der Tag im Metaverse. Als erstes geht es ins digitale Einkaufszentrum. Da reicht es, wenn wir unserem Avatar einen lockeren Pullover und Trainerhosen anziehen. Im Laden angekommen, werden Nudeln, eine Fertigpizza und ein paar Äpfel in den digitalen Warenkorb gelegt, damit sie dann von den automatisierten Drohnen nach Hause geliefert werden können (im realen Leben versteht sich). Nach dem Einkauf steht ein Geschäftsmeeting an, dafür bekommt der Avatar ein neues Outfit. Er trägt nun ein blaues Hemd mit schwarzem Anzug und sitzt mit dem Chef im Büro – während der eigentliche Mensch zuhause im Pyjama auf dem Sofa sitzt.

Metaverse ist das neue Zauberwort im Silicon Valley. Spätestens seit Facebook-Gründer Mark Zuckerberg sein Unternehmen in Meta umgetauft und «sein» Metaverse angekündigt hat, ist der Begriff auch in der breiten Bevölkerung angekommen. Eine neue Art des Internets, das unser Leben komplett umstrukturiert und in jeden Bereich eingreift. Wenn wir in vergangenen Jahren noch über Sinn und Unsinn des Like-Buttons gestritten haben, bekommen wir plötzlich ganz neuen Diskussionsstoff. Denn die Likes werden wohl verschwinden, dafür neue Probleme auftauchen.

Lumos: Herr Butler, Mark Zuckerberg will das Internet revolutionieren. Was halten Sie vom Metaverse?

Aaron Butler: In Anbetracht des technologischen Hypes ist es wichtig, nicht die kritische Sicht auf die Dinge zu vergessen. Da ist natürlich die Frage der Datensicherheit und Privatsphäre, die wir heute schon haben und die im Metaverse noch stärker hervortreten würde. Man muss bedenken, dass wir technologisch im Moment noch relativ weit weg sind von einem Metaverse, wie es Mark Zuckerberg präsentiert. Wenn es aber kommt, dann könnte es unsere Beziehung zur digitalen, aber auch zur physischen Welt drastisch verändern.

Wie meinen Sie das? Mit dem Avatar ins digitale Einkaufszentrum zu gehen, scheint auf den ersten Blick nicht wirklich problematisch, sondern eher aufregend…

Ein Beispiel. Im Metaverse wird das digitale «Ich» nach eigenen Vorstellungen gestaltet. Das heisst, ich kann dort auf vollständig idealisierte und perfekte Menschen treffen. Aber wenn man diese Person im realen Leben trifft, wie würde man mit ihr umgehen? Sagen wir, im echten Leben hat diese Person eine physische Beeinträchtigung. Das digitale «Ich» derselben Person hat diese Beeinträchtigung aber nicht. Wie würde man da reagieren, würde man sie im realen Leben treffen? Würde man sie schlecht behandeln? Wenn das Metaverse solche moralischen Grundsätze negativ beeinflusst, dann müssen wir uns überlegen, ob wir diesen Weg wirklich gehen wollen oder sollen.

Malen Sie da den Teufel nicht zu früh an die Wand? Auch bei der Einführung des Fernsehens, des Walkmans oder der Handys haben Kritiker den Untergang der Menschheit heraufbeschworen. Die Gesellschaft entwickelt sich – könnte Metaverse da nicht einfach der nächste Schritt sein?

Das stimmt, die Gesellschaft ist immer ko-konstruiert in der Interaktion zwischen Technologie und Menschen. Von der Erfindung des Trinkbechers bis hin zum Computer hat Technologie Einfluss auf uns. Und so hat sich die Menschheit über die Jahrtausende auch verändert. Die Frage ist aber, wie könnte uns das Metaverse verändern? Bereits jetzt kennen wir das Problem der Filterblasen, in denen wir diejenigen Nachrichten und Neuigkeiten erhalten, die der Algorithmus auf uns zuschneidet. Im Metaverse würde sich dies noch mehr ausweiten. Wir würden letztlich eine kuratierte Realität vorgesetzt bekommen, arrangiert nach unseren Vorlieben. Nicht nur News, sondern auch die Menschen, die wir treffen und die Dinge, die wir sehen, würden auf Basis des Algorithmus auf uns zugeschnitten. Wenn wir unser Metaverse beispielsweise so einstellen, dass wir keine obdachlosen Menschen zu sehen bekommen, wie würden wir dann reagieren, wenn wir einen im realen Leben sehen? Wie würden wir mit ihm umgehen?


Übrigens ist Mark Zuckerberg nicht der Erfinder des Metaverse. Die Idee kommt ursprünglich von Science-Fiction-Autor Neal Stephenson, der in seinem Cyberpunk-Klassiker «Snow Crash» das Metaverse als dystopische Zukunft inszeniert, in der eine groteske Klassentrennung zwischen reichen und armen Menschen herrscht. Doch Mark Zuckerberg ist vermutlich der berühmteste und, vor allem, der verbissenste Verfechter des Metaverse. Allein in Europa plant sein Konzern Meta 10’000 neue Jobs, um die Entwicklung voranzutreiben.


Bisher haben wir vor allem über Probleme und Gefahren gesprochen. Sehen Sie auch Potenzial im Metaverse? Könnte es auch gewisse Bereiche der Gesellschaft voranbringen?

Ja, das könnte es. Beispielsweise bei Berufen mit hohem Risiko. Ich denke da etwa an das sogenannte Asteroid Mining. Also die Idee, dass man Ressourcen auf Asteroiden im Weltall abbauen kann, anstatt unsere eigene natürliche Umwelt beim Schürfen von wichtigen Ressourcen zu zerstören. Da wäre es natürlich sicherer, Drohnen ins All zu schicken, die vom Metaverse aus gesteuert werden, anstatt Menschen. So gesehen könnte das Metaverse helfen, nachhaltiger mit der Erde umzugehen und auch risikoreiche Jobs zu übernehmen.

Was bräuchte es denn, um ein perfektes Metaverse zu schaffen, ohne die Probleme die Sie beschreiben? Ist das überhaupt möglich?

Das ist aus meiner Sicht durchaus realistisch. Vor allem müssten die Menschenrechte gut eingebettet werden und verpflichtend sein, auch im Metaverse. Dazu brauchen wir ein Metaverse, dass von Anfang an auf diese Menschenrechte aufgebaut ist. Sie dürften nicht einfach ein Nice-to-have sein, sondern ein Minimalstandard, der unbedingt eingehalten werden müsste.

Und wer kontrolliert diese Standards und setzt sie durch?

Ich würde vorschlagen, dass es eine Art Vollzugsgewalt des Staates gäbe. Dies aber, und das ist wichtig, im Dialog mit den privaten Unternehmen. Man muss gemeinsam herausfinden, wie man die Menschenrechte als Minimalstandard implementieren kann.


Die Rechtslage im Metaverse könnte durchaus kompliziert werden. Bereits jetzt kann man digitales Bauland kaufen, beispielsweise um ein Haus für seinen Avatar darauf zu bauen. Und im Metaverse würde vermutlich viel gehandelt, etwa mit digitalen Kleidern, so dass diese virtuelle Umgebung eine eigene Wertschöpfungskette generiert. Dafür wird es einen gewissen rechtlichen Rahmen brauchen.


Wenn man im Metaverse gar digitalen Boden kaufen kann, wird es richtig kompliziert… 

Es gibt beispielsweise die Idee von Prof. Dr. Kirchschläger (Professor für Theologische Ethik an der Universität Luzern, Anmerkung der Redaktion), der eine Data-Based Systems Agency vorschlägt. Diese wäre quasi eine globale Aufsichtsbehörde, die unter anderem lokalen Regierungen mit datenschutzrechtlichen Problemen hilft oder globale Rechte im Internet koordiniert. Das kann man sich etwa so vorstellen, wie die internationale Atomaufsichtsbehörde. Ein solches Konzept könnte helfen, ein Rechtssystem ins Metaverse zu integrieren.

Könnte ein globales Metaverse vermeintlich kleinen Ländern helfen, die bisher international irrelevant waren? Wäre eine neue, virtuelle Weltordnung denkbar? 

Dass kleinere Akteure eine Stimme und eine Plattform im Metaverse erhalten, halte ich für möglich. Aber auch hier müssen wir vorsichtig sein. Denn wir wollen ja beispielsweise keiner Terrorgruppe eine bessere Plattform geben. Und dies wird sehr viel einfacher umzusetzen, wenn wir das Metaverse auf den Menschenrechten aufbauen.


Faktisch gibt es Ansätze des Metaverse bereits heute. In Videospielen wie «Fortnite» geben Gamer jährlich Millionen aus, um ihre Avatare digital einzukleiden. Seit bald 20 Jahren können Nutzer bei «Second Life» in eine virtuelle Welt eintauchen, wo man sich ein digitales Leben aufbauen kann. Also quasi eine einfachere Version des Metaverse.


Letztendlich ist auch das Metaverse von Nutzern abhängig. Wir könnten ja immer noch sagen, dass wir da nicht mitmachen wollen. Oder sehen sie die Gefahr, dass man als Mensch irgendwann ins Metaverse gezwungen wird, weil man sonst nicht mehr am sozialen Leben teilhaben kann?

Die Gefahr, dass Leute ausgeschlossen und diskriminiert werden, ist gegeben. Besonders wenn das Metaverse eine Form annimmt, wie sie Zuckerberg vorschlägt. Also im Social-Media-Stil. Bereits heute kann man beispielsweise ohne Smartphone ja kaum mehr an der Gesellschaft partizipieren. Denken Sie nur schon an QR-Codes. Das Problem dabei ist der Hype, der um diese neuen Technologien gemacht wird. So dass derart viele Leute aufspringen, dass man irgendwann einfach mitziehen muss, um nicht den Anschluss zu verlieren.

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