In all unseren Köpfen gibt es ein Skript, wie Sex abzulaufen hat. Warum das nicht zwingend guter Sex ist und woran solcher teilweise scheitern kann, darüber hat sich Luna Libido dieses Mal Gedanken gemacht.
Luna Libido
Illustration: Darline Vainer, HSLU Digital Ideation
Letzte Woche kam eine Freundin von mir auf Besuch. Während wir uns über unser Leben austauschten, kam sie auf ihre neue Bekanntschaft zu sprechen. Wir reden hier von Dating zu Coronazeiten, in welchen ein Kennenlernen nur online möglich ist und physische Dateoptionen auf Spaziergänge reduziert sind. Deshalb schreibt meine Freundin nun auch intensiver vor einem Treffen: «Bevor ich mich beim Spaziergang erkälte, will ich wissen, ob es das wert ist.» Jedenfalls erzählte sie mir, wie sie plötzlich beim Schreiben bemerkte, dass sie mit jedem Mann die genau gleichen Konversationen führt. Nach ein paar Sprüchen über die Vorhersehbarkeit von Männern waren wir schnell beim Thema Sex angelangt. Auch da beklagte sich meine Freundin über wenig Einfallsreichtum: «Egal, ob es sich um eine einmalige Sache handelt oder um wiederholten, besser werdenden Sex: Irgendwie läuft das etwas automatisiert ab.» Das brachte mich ins Grübeln. Meine Erfahrungen decken sich nur teilweise mit ihren Erfahrungen. Allerdings interessiere ich mich für das ganze Geschlechterspektrum und steige deshalb nicht nur mit Männern ins Bett, sondern auch mit Frauen – und ja, ich muss hier leider so cis-binär daherschreiben, da sich meine Erfahrungen auf diese Gruppen beschränken.
Zurück zum Thema: Das angesprochene Problem kenne ich nur vom Sex mit Männern; bis auf zwei, drei Ausnahmen. Das sind die Nächte, an die ich mich gut und gerne zurückerinnere. Bei den Frauen sind mir ausnahmslos alle in Erinnerung geblieben. Wieso? Erstens date ich als bisexuelle Frau weniger Frauen, weil das Angebot weniger gross ist. Entsprechend sind für mich Zärtlichkeiten mit Frauen immer noch etwas Besonderes und entsprechend wertvoller. Voll blöd, ist mir klar. Ist aber trotzdem so.
Zweitens ist der Sex mit Frauen halt durchschnittlich besser. Das kommt nicht von ungefähr oder bedeutet etwa, dass Frauen besser vögeln. Es bedeutet, dass ich mit Frauen im Bett besser bin. Bevor ihr die Sexismuskeule schwingt, lasst es mich erklären: Es geht darum, dass ich mit einer Person des gleichen Geschlechts im Bett bin. Oder zumindest darum, dass ich dann eben nicht mit heteronormativen Erwartungen Sex habe. Ich habe kein Verhaltensmuster, wie ich mit Frauen umgehe. Ich habe allerdings eins für Männer. Ich wurde sozialisiert, vorsichtig zu sein, zurückhaltend, sogar etwas unsichtbar. Meine Bedürfnisse zurückzustellen und nicht laut einzufordern. Mit etwas Stolz kann ich behaupten, dass ich mich mehr oder weniger erfolgreich dagegen wehre und mein Leben sehr bewusst selbstbestimmt lebe. Mit Männern im Bett wird es allerdings schwieriger. Da holen mich teilweise die Rollenklischees ein und die eingeprägte Vorstellung von Sex. Es sind weniger Entdeckungen möglich, unsere Erwartungen stehen uns im Weg. Wir sehen nur Bekanntes, und sind blind für mögliche Erfahrungen ausserhalb dieses Skripts. Mit Frauen fallen diese Erwartungen weg. Ich muss nichts repräsentieren, ich kann in dem Moment alles sein und gar nichts. Ich kann fordern, geben, spielen oder lieben. Und nirgends kommt die Blockade, dass ich dafür als nicht normal wahrgenommen werden könnte.
Dazu kommt, dass Sex mit Männern in meiner Erfahrung sehr phallozentrisch ist. Natürlich hat unsere Generation langsam verstanden, dass Sex mehr als Penetration ist und entsprechend auch Vorspiel und Nachkuscheln gang und gäbe sind. Trotzdem: Penetration scheint die einzige konstante Variable von Sex zu sein. Alles andere ist austauschbar, variierbar. Penetration definiert Sex erst als richtigen Sex. Nicht umsonst interessieren sich erstaunlich viele Bekannte in meinem Umfeld dafür, wie denn Lesbensex genau funktioniere. Solange diese Ansicht unser Sexleben beeinflusst, sind die Möglichkeiten eher begrenzt. Kein Wunder boomt die Nachfrage nach BDSM oder Fetischen, eben weil sie andere Praktiken ins Zentrum stellen. Aber ich schweife ab. Eben, die Penetration wird als alleinige kausale Ursache für den Orgasmus gesehen.
Überhaupt, der Orgasmus. So sichtbar und definierbar er bei Männern scheint, ist das beim weiblichen Geschlecht nicht der Fall. Wir sind zu unterschiedlichen Orgasmen fähig, je nach Lust und Laune zu ganz sanften leisen oder zu existenzerschütternden. Zu meinem Leidwesen muss ich gestehen, dass ich noch nie mit einem Mann Sex hatte, der dabei nicht gekommen ist. Ich hingegen käme ohne eigenes Zutun doch ab und zu mal zu kurz. Letzteres deckt sich mit den Erfahrungen meines Umfelds. Aber hey, weibliche Lust ist ja so extrem kompliziert. Und manchmal will ich trotz Lust auf Sex auch gar nicht kommen. Man(n) meint dann jeweils, er schulde mir beim nächsten Mal etwas. Als müssten wir gleichauf sein. Nur weil ich zu multiplen Orgasmen fähig bin, käme ich ja auch nicht auf die Idee, ihn x-mal am Tag zu befriedigen. Manchmal gefällt mir der Sex ohne Orgasmus besser. Manchmal erfüllen Berührungen, Zärtlichkeiten und das blosse Lustempfinden meine sexuellen Bedürfnisse besser als jeder Orgasmus.
Und jedes Mal, wenn ich erinnerungswürdigen Sex habe, danke ich dem Schicksal oder wem auch immer, dass ich mich für das ganze Geschlechtsspektrum interessiere. Dass ich die Vielfalt, die die Welt bietet, erkennen und nach und nach entdecken kann. Dass ich in einer Zeit geboren bin, in der ich meine Position als cis-Frau immer wieder verändern darf und mich mit neuen Identitäten, Erwartungen und Hoffnungen in Beziehungen jeder Art stürzen darf.